Dankbarkeit inmitten des Sturms

Dankbarkeit inmitten des Sturms

Wer mich kennt, weiß:
Die letzten Monate waren extrem.

Viele würden sie als „keinen Zustand“, „Zumutung“ oder sogar „unmenschlich“ beschreiben.

Und doch fühle ich Dankbarkeit.

Nicht, weil ich etwas verdränge. Ganz im Gegenteil. Ich habe den Schock bewusst durchlebt. Ich habe geweint. Gefühle zugelassen. Getrauert.

Tränen heilen, sagt man. Und für mich stimmt das.

Und gleichzeitig – und das ist neu – lerne ich gerade etwas anderes:

Dass Dankbarkeit und Schmerz nebeneinander existieren dürfen.

Denn ich habe mir das alles nicht ausgesucht.
Ich wäre auch dankbar gewesen, wenn ich es nie hätte erleben müssen.

Aber ich bin hier. Und ich gehe da durch. Bewusst.


Was geschah?

Im November 2024 sah mein Kater gar nicht gut aus.
Ich spürte sofort: Er braucht einen Arzt.

Die Diagnose: Wasser im Thorax. Ursache unklar.
Todesangst.

Er wurde in eine Klinik überwiesen, lag tagelang im Sauerstoffzelt nach einer Punktion.
Wir besuchten ihn täglich. Es war kaum auszuhalten, ihn immer wieder dort zurücklassen zu müssen.

Die Ärzte gaben ihm kaum eine Chance, sprachen vom Erlösen. Doch er zeigte uns deutlich, dass er nicht gehen wollte. Wir nahmen ihn mit nach Hause. Erschöpft – aber lebendig.

Zwei Tage später erneut Atemnot.

Ich wollte eine zweite Meinung.
Eine weiter entfernte Klinik stellte die Medikamente optimal ein – und bereitete mich gleichzeitig auf alles vor.

Ich wusste: Es kann jederzeit vorbei sein. Und ich muss das zulassen.


Die Zeit des Wartens und der Angst

Ich wich nicht von seiner Seite.

Ich behandelte ihn mit Reiki, legte Mineralien aus – und er legte sich genau dorthin.

Ich begann zu trauern, obwohl er noch lebte.
Mein Organismus erlebte seinen Abschied, bevor es körperlich soweit war.

Nach den vielen Tränen begann jedoch eine intensive, beinahe heilige Zeit.

Wöchentliche Tierarzttermine. Behandlungen. Medikamente besorgen.
Ein ständiges Pendeln.

Anstrengend. Und gleichzeitig unglaublich verbindend.

Im Juli 2025 starb er in meinen Armen. Es war kein ruhiger Abschied. Und das hat mich tief bewegt.


Und dann geschah das Unfassbare keine 50 Stunden später

Meine Tochter konnte zunächst nicht nach Hause kommen. Die Leere ertrugt sie schon gedanklich nicht. Sie quartierte sich für zwei Nächte aus. Sie brauchte Abstand. Raum. Zeit. 

Am darauffolgenden Montag sollte in unserem Haus ein Holzwurm beseitigt werden.

Was folgte, war ein Microbrand mit anschließender Explosion.

Und so widersprüchlich es klingt: Diese Explosion hat Leben gerettet.

Eine komplette Etage wurde nahezu zerstört. Ein riesiges Loch in der Außenwand.
Zwei weitere Etagen unbewohnbar. Das Dach verschoben. Fast alles kontaminiert.
Ein Großteil unseres Besitzes verloren.

Und doch:

Wäre unser Kater noch am Leben gewesen, wäre meine Tochter genau in dem Raum gewesen, in dem eine Wand einstürzte.

Heute sagt sie selbst voller Dankbarkeit: Er ist ihr Schutzengel.

Ihre Häschen, die frei im Raum unterwegs waren? Unversehrt. Wie durch ein Wunder entstand genau dort eine kleine Nische, die sie schützte. Mein Mann rettete sie heldenhaft.

Und mein Mann selbst war nur deshalb nicht in seinem Büro, weil er den Handwerker an der Tür verabschiedete – was er sonst nie tut. Ein Wunder. 

Sekunden entschieden über alles.

Man kann das Zufall nennen. Ich nenne es Führung.


Wenn das Außen zerbricht

Seitdem leben wir im Erdgeschoss. Ursprünglich nur als Übergang gedacht. Es hieß: 3 Monate.

Die Versicherungen suchten monatelang nach Zuständigkeiten. Das Haus heilt langsam.

Wir auch.

Und auch meine eigene Hausratversicherung wurde zur Herausforderung.

Ich hatte alles korrekt gemeldet – und dennoch wurde die Police nicht angepasst.

Heute kläre ich juristisch, was eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Früher hätte mich das verbittert. Heute ist es nur anstrengend. Kräftezehrend. Richtig kräftezehrend. 

Aber ich sehe auch darin eine Lektion.

Ich kann nicht alles kontrollieren.
Aber wie ich damit umgehe – sehr wohl.


Und dann kam die nächste Ebene

Nach acht Monaten lebten wir noch immer in der Notunterkunft.
Ohne jegliche Informationen. Ohne Perspektive.

Und dann trat etwas anderes in den Vordergrund.

Nicht laut.
Nicht sichtbar.
Aber spürbar.

Ein Mensch, mit dem wir in dieser Situation zu tun haben, begegnet uns auf eine Weise, die mich erschütterte.

Vorwürfe.
Lautstärke.
Verdrehte Wahrnehmung.

Früher hätte mich das hineingezogen.

Ich hätte erklärt.
Mich gerechtfertigt.
Versucht, Verständnis herzustellen.

Heute merke ich:

Das ist tatsächlich mein eigentlicher Lernraum.

Die Essenz der puren Abgrenzung und des Bewusstseins, dass mein Frieden kein Frieden mehr ist, wenn ich alles einfach geschehen lasse und mich zurücknehme, nicht nerve, nicht auffalle, keine Umstände bereite, nicht klar werde, keine Grenzen aufzeige, nicht klar sage, wenn ich enttäuscht bin.


Die Essenz

Nicht jede Wahrheit braucht eine Diskussion.

Und nicht jede Auseinandersetzung ist es wert, geführt zu werden.

Manche Menschen suchen keine Klärung.
Sondern Bestätigung.

Und dort endet meine Verantwortung.


Was ich über Menschen lerne

In Stresssituationen reagieren Menschen unterschiedlich.

Manche bleiben klar.
Manche werden still.
Und manche verlieren den Blick für andere.

Nicht immer aus Bosheit. Oft aus Überforderung.

Und das Wichtigste:

Nicht alles, was mir begegnet, hat wirklich mit mir zu tun.


Was ich über mich lerne

Ich war ein Mensch, der verstehen wollte.
Der vermitteln wollte.
Der Harmonie suchte.

Und genau das hat mich oft in Situationen gehalten, die mir nicht gutgetan haben.

Heute lerne ich etwas Neues:

Ich darf fühlen – und trotzdem klar handeln.

Ich muss nicht verstehen.
Ich muss nicht vermitteln.

Harmonie um jeden Preis ist keine Harmonie.

Ich darf bei mir bleiben.


Und noch etwas hat sich verändert

Ich habe erlebt, wie anstrengend es sein kann, Hilfe anzunehmen.

Nicht, weil sie nicht da war – sondern weil sie nicht verlässlich war.

Weil ich nachfragen musste.
Erinnern musste.
Dranbleiben musste.

Und irgendwann war da nicht nur Erschöpfung – sondern auch ein leiser Widerstand.

Ich habe gemerkt, wie müde ich davon bin, immer verständnisvoll zu sein.

Immer geduldig. Immer darauf bedacht, dass es allen gut geht.

Denn die Wahrheit ist auch:

Nicht jeder denkt an das Wohl des anderen. Und das anzuerkennen, war für mich ein wichtiger Schritt. Früher hätte ich versucht, das auszugleichen. Hätte noch mehr gegeben.

Heute sehe ich klarer:

Gutmütigkeit darf nicht bedeuten, sich selbst zu übergehen.

Ich habe Dinge getan, die ich nie tun wollte.
Musste klarer werden.
Deutlicher.
Manchmal auch unbequemer.

Nicht, weil ich es wollte – sondern weil es notwendig war um meine Familie zu schützen.

Und auch das ist Wachstum.

Zu erkennen, dass ich nicht für alles verantwortlich bin.

Dass ich nicht jede Harmonie halten kann – vor allem dann nicht, wenn andere sie längst losgelassen haben.

Ich lerne, dass es kein Egoismus ist, bei mir zu bleiben. Sondern Selbstachtung.


Meine ganz praktischen Strategien

Ich pausiere. Bevor ich reagiere, atme ich.

Ich antworte kürzer. Weniger erklären. Weniger rechtfertigen.

Ich bleibe bei meinem Anliegen.

Und manchmal sage ich mir einfach:

„Das gehört nicht zu mir.“


Eine kleine Übung

Wenn mich etwas trifft:

Ich halte inne. Atme bewusst aus. Und sage mir: „Ich muss das gerade nicht lösen.“

Allein dieser Satz verändert etwas.

Und noch etwas hat mir geholfen:

Ich habe begonnen, dem Thema bewusst Grenzen zu setzen.

Lange Zeit war es allgegenwärtig. Versicherungen. Klärungen. Warten.

Es war jeden Tag präsent.
In Gedanken. In Gesprächen. In meinem ganzen System.

Und es hat Kraft gekostet. Sehr viel Kraft.

Heute erlaube ich diesem Thema nur noch begrenzt Raum.

Nicht, weil es unwichtig ist. Sondern weil es mir nicht guttut, wenn es mein ganzes Leben einnimmt. Ich entscheide bewusst, wann ich mich damit beschäftige uUnd wann nicht.

Das verändert mehr, als ich erwartet hätte.


Glaube – Vertrauen in das, was kommt

Trotz all dieser Ereignisse habe ich meinen Glauben nicht verloren.

Ich glaube daran, dass alles einem größeren Sinn folgt.

Nicht im Sinne von „Alles ist gut“.

Sondern im Sinne von: Alles bewegt etwas in uns.

Ich glaube, dass unser Haus Zeit braucht – damit auch wir Zeit haben zu wachsen.

Dass manches erst im Rückblick Sinn ergibt.

Mein Glaube ist nicht fern vom Alltag.

Er zeigt sich in kleinen Dingen:

In Tulpen, die trotz Baustelle wachsen.
In einem Huhn, das durch den Garten spaziert, weil es von Nachbars Hof ausgebüchst ist.
In Knospen am Kirschbaum.
In Leben, das weitergeht.


Dankbarkeit – neu verstanden

Dankbarkeit ist für mich nicht mehr:
„Alles ist schön.“

Dankbarkeit ist:

Zu erkennen, dass ich wachse – auch wenn ich es mir nicht ausgesucht hätte.

Dass etwas in mir ruhig bleibt, selbst wenn im Außen ein Sturm ist.


Zum Schluss

Vielleicht liest du das gerade, weil du selbst durch eine schwere Zeit gehst.

Vielleicht fragst du dich, wie man das alles aushält.

Ganz ehrlich:
Das kann ich dir nicht sagen.

Was ich dir sagen kann ist:

Du hast mehr Kraft, als du dir gerade vorstellen kannst.

Getragen von dem Vertrauen, dass etwas in dir stärker ist als das, was gerade passiert, kann ein Anfang sein.

Und vielleicht hilft dir noch etwas:

Suche im Alltag nach kleinen Momenten, für die du dankbar sein kannst.

Nicht, weil dann alles gut ist.

Sondern weil Dankbarkeit trägt.

Sie macht dich nicht durchgehend glücklich.
Aber sie fängt dich auf.
Erinnert dich.
Und hält dich.

Und vielleicht beginnt genau dort etwas Neues.

Und bitte:

Hol dir Hilfe, wenn die Last zu groß wird. Wir sind nicht dafür gemacht, alles allein zu tragen. Es ist keine Schwäche, sich unterstützen zu lassen.

Pass gut auf dich auf.

Herzlichst, Fanni 


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