Muster aufbrechen – Wenn „Das war schon immer so“ nicht mehr reicht

Muster aufbrechen – Wenn „Das war schon immer so“ nicht mehr reicht

Es gibt Regeln, an die müssen wir uns halten.
Wenn ich in einem Land lebe, gelten Gesetze. Wenn ich im Hotel zu Gast bin, halte ich mich an die Hausregeln. Wenn ich irgendwo eingeladen bin – bei Freunden oder der Familie – respektiere ich die Regeln des Hauses.

Das steht für mich überhaupt nicht zur Debatte.

Heute geht es nicht um solche Regeln.
Heute geht es um etwas anderes: Um Muster.

Diese unsichtbaren Vorgaben, die wir oft für selbstverständlich halten.

Muster sind Dinge wie:

„Das macht man so.“
„Das war schon immer so.“
„So läuft das bei uns in der Familie.“

Wenn man darüber nachdenkt, stellt sich irgendwann eine spannende Frage:

Wer hat diese Muster eigentlich festgelegt?

Und noch wichtiger:

Warum halten wir uns so konsequent daran?

Oft folgen wir damit einfach nur Erwartungen. Erwartungen von anderen Menschen. Erwartungen von Familie, Gesellschaft oder Tradition.

Und diese Erwartungen können ein Gefühl der inneren Enge auslösen.


Die unsichtbaren Regeln der Familien

Gerade in Familien gibt es unglaublich viele solcher Muster.

Irgendwann hat einmal jemand entschieden, wie etwas abzulaufen hat. Und dann wird dieses Verhalten von Generation zu Generation weitergegeben – einfach, weil es „immer so war“.

Doch nur weil etwas immer so war, bedeutet das nicht automatisch, dass es auch weiterhin so sein muss.

Deshalb finde ich es wichtig, dass wir anfangen, diese Muster zu hinterfragen.

Nicht alles muss aufgebrochen werden. Aber manches schon.

Denn Muster können uns einengen.

Genauso wie Erwartungen.

Alles, woran wir zu starr festhalten, kann uns irgendwann die Luft zum Atmen nehmen.


Das große Lebensmuster

Ein besonders starkes Muster kennen wir fast alle.

Es sieht ungefähr so aus:

Schule → Ausbildung oder Studium → Arbeit → Haus → Familie.

Viele Menschen sehen genau diesen Weg als den „richtigen“ Lebenslauf.

Doch was passiert, wenn jemand dort nicht hineinpasst?

Meine Tochter ist so ein Mensch.

Und ich habe immer versucht, ihr zu zeigen:
Du musst nicht in ein Muster passen, nur weil es existiert.


Wenn ein Lebensweg nicht in die Schublade passt

Nach der Schule war für meine Tochter klar:
Sie interessiert sich für viele Dinge – aber nicht für den klassischen Weg.

Natürlich kamen sofort Stimmen aus dem Umfeld:

„Du brauchst eine Ausbildung.“
„Du brauchst eine Basis.“
„Das gehört doch zum Leben dazu.“

Ich verstehe diese Stimmen. Wirklich.

Denn diese Menschen sind selbst mit genau diesen Mustern aufgewachsen. Und zudem darf man nicht verkennen, dass sie es sehr wahrscheinlich sogar lieb meinen, fürsorglich sogar. 

Aber nur weil ein Muster für jemanden funktioniert hat, bedeutet das nicht, dass es für jeden Menschen richtig ist.

Meine Tochter hat ein Berufsgrundbildungsjahr gemacht und sich währenddessen für eine Berufsausbildung entschieden: Friseurin.

Doch auch dort kamen wieder Stimmen:

„Um Gottes willen, das ist ein harter Beruf.“
„Du arbeitest rund um die Uhr.“
„Damit verdient man kaum Geld.“

Viele meinten es gut. Wirklich gut.

Aber gut gemeinte Ratschläge können trotzdem Einfluss nehmen.

Am Ende hat sie sich davon verunsichern lassen und diesen Weg nicht weiter verfolgt.


Der nächste Versuch – und das Leben dazwischen

Danach begann sie eine Ausbildung zur Tiermedizinischen Fachangestellten in einer Tierarztpraxis.

Dort ist sie unglaublich über sich hinausgewachsen. Dinge, von denen sie früher dachte, sie könnte sie nie tun, hat sie fast spielend gemeistert.

Doch dann kam unsere Hausexplosion – ein Ereignis, das alles verändert hat.

Die Praxis wollte sie schützen. Die Chefinnen sagten, sie müsse jetzt erst einmal zu sich kommen.

Das war liebevoll gemeint.

Doch im Lebenslauf sieht so etwas einfach anders aus.

Und hier begegnen wir wieder einem Muster.

Menschen sehen einen Lebenslauf und bewerten ihn sofort.
Schule, ein Berufsgrundbildungsjahr und dann eine abgebrochene Ausbildung.

Unser Kopf ist darauf trainiert, Muster zu erkennen – und sofort eine Schublade zu öffnen.

Das Ergebnis: Ein Jahr lang fand meine Tochter keinen neuen Ausbildungsplatz.


Die Erkenntnis dahinter

Dieses Jahr war trotzdem wichtig.

Denn meine Tochter begann, wirklich über sich selbst nachzudenken.

Nicht darüber, was andere erwarten.

Sondern darüber, was sie wirklich möchte.

Dabei wurde ihr etwas klar:

Viele Berufe sind so stark in Muster gepresst, dass sie dort keinen Platz für sich sieht.

Sie ist ein kreativer Mensch. Ein sehr sensibler Mensch.

Und die Vorstellung, jeden Tag streng nach Vorlage zu arbeiten, fühlt sich für sie falsch an. Zu wenig Raum für den eigenen Ausdruck.


Neue Wege entstehen gerade

Vor kurzem haben wir einen Friseur in Dresden entdeckt.

Über Instagram.

Er hat sein gesamtes Geschäft neu gedacht.

Keine klassischen Abläufe. Keine typischen Rollen.

Bei ihm gibt es verschiedene Räume, verschiedene Themenbereiche. Man kann Termine buchen, bei denen man vollkommen abgeschieden ist. Einzelräume, in der man seine Lieblingsmusik hören kann. Bei ihm scheint alles möglich zu sein. 

Er hat die alten Muster seines Berufs einfach aufgebrochen.

Und genau das finde ich faszinierend.

Denn vielleicht liegt die Zukunft genau darin:
Berufe neu zu denken.

Freier.

Menschlicher.

Individueller.


Eine Einladung an uns Eltern

Für mich ist das Ganze vor allem eine Einladung an uns Eltern.

Natürlich gibt es Regeln.
Natürlich gibt es Strukturen.

Aber wir sollten aufhören, unsere Kinder in starre Muster zu pressen.

Wenn ein Sohn weint, braucht es keine Eltern, die ihm sagen, dass er aufhören soll - Jungs weinen nicht. 

Wenn ein Mädchen mit Autos spielt, braucht es keine Eltern, die ihr das wegnehmen und ihr eine Puppe geben.

Wenn ein junger Mensch nach der Schule sagt:
„Ich weiß noch nicht, wohin mein Weg geht.“

Dann ist das kein Versagen.

Dann ist das Ehrlichkeit.

Vielleicht braucht dieser Mensch einfach Zeit.
Zeit, sich selbst kennenzulernen.

Zeit, herauszufinden, was wirklich zu ihm passt.

Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem wir als Eltern sagen dürfen:

Du musst nicht in ein Muster passen.
Du darfst deinen eigenen Weg finden.

Und vielleicht gilt das nicht nur für unsere Kinder.

Vielleicht gilt es auch für uns selbst.

Wie viele Muster tragen wir noch in uns, ohne sie je hinterfragt zu haben?
Wie oft passen wir uns an, obwohl sich etwas in uns längst dagegen sträubt?

Vielleicht ist es an der Zeit, auch bei uns selbst einmal genauer hinzuschauen.
Ganz ehrlich. Ganz still.

Nicht alles muss sich verändern. Aber manches darf jetzt einfach in Liebe gehen.

Und vielleicht entsteht genau dort etwas Neues:

Mehr Leichtigkeit. Mehr Freiheit. Mehr du selbst.

Herzlichst, Fanni 


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