„Du hast ja mit jedem ein Problem.“ „Hast du eigentlich schon einmal darüber nachgedacht, dass es vielleicht an dir liegt?“ Oder auch: „Merkwürdig, immer wenn du mal etwas machen musst, wirst du krank.“
Vielleicht hast du einen dieser Sätze schon einmal gehört. Vielleicht wurde er dir direkt ins Gesicht gesagt, vielleicht hast du erst später erfahren, dass jemand so über dich gesprochen hat. Es sind Sätze, die auf den ersten Blick beinahe harmlos wirken können. Man könnte behaupten, jemand habe doch lediglich seine Meinung geäußert oder eine Beobachtung ausgesprochen. Aber wenn wir genauer hinsehen, passiert dabei etwas, das ich schwierig finde: Es wird nicht mehr über eine konkrete Situation gesprochen. Stattdessen wird der Mensch selbst zum Problem erklärt.
Ich persönlich habe den Satz „Du hast ja mit jedem ein Problem“ noch nicht über mich gehört. Aber mir berichten immer wieder liebe Menschen davon, dass über sie genau so gesprochen wurde. Und jedes Mal beschäftigt mich, was hinter solchen Aussagen steckt. Denn normalerweise fallen sie nicht aus dem Nichts. Oft hat sich ein Mensch gerade jemandem anvertraut. Er erzählt von Schwierigkeiten mit einem Kollegen, einem Nachbarn, einem Familienmitglied oder einem Freund. Vielleicht möchte er gar keinen Rat und schon gar keine Beurteilung seiner Persönlichkeit. Vielleicht muss einfach etwas heraus, weil es ihn beschäftigt.
Und dann kommt statt eines offenen Ohres plötzlich die Analyse: „Naja, du hast aber auch immer mit irgendwelchen Leuten Probleme.“
Damit verändert sich das gesamte Gespräch. Eben ging es noch um den Kollegen, der sich respektlos verhalten hat, um die Nachbarin, die Grenzen überschreitet oder um eine Freundschaft, in der etwas passiert ist. Einen Augenblick später spielt all das kaum noch eine Rolle. Jetzt geht es um denjenigen, der davon erzählt hat. Nicht mehr die Situation wird betrachtet, sondern seine Persönlichkeit. Aus mehreren einzelnen Erlebnissen entsteht ein Muster und aus diesem vermeintlichen Muster sehr schnell eine Schublade: Mit diesem Menschen ist es eben schwierig.
Das Praktische an solchen Schubladen ist, dass man anschließend kaum noch genauer hinsehen muss. Gibt es Probleme am Arbeitsplatz, passt es ins Bild. Endet eine Freundschaft, bestätigt es das Bild. Gibt es Streit in der Familie, ist auch das der nächste Beweis. Und wenn irgendwann noch Schwierigkeiten mit dem Nachbarn hinzukommen, kann man zufrieden feststellen: „Siehst du, ich habe es doch gesagt.“
Nur beweist die Anzahl unserer Konflikte zunächst erstaunlich wenig.
Ich kenne jedenfalls keinen Menschen, der wirklich mit jedem Menschen auskommt. Wie sollte das auch funktionieren? Es beginnt doch bereits im Kindergarten. Manche Kinder mögen sich, andere können wenig miteinander anfangen. In der Schule werden völlig unterschiedliche Persönlichkeiten in einen Raum gesetzt und sollen jahrelang miteinander zurechtkommen. Später suchen wir uns unsere Kollegen meistens ebenso wenig nach Sympathie aus wie unsere Nachbarn. Unsere Familie haben wir uns größtenteils überhaupt nicht ausgesucht. Dazu kommen Freunde, Partner, Bekannte, Vereine und all die Menschen, denen wir im Laufe unseres Lebens begegnen. Wir bringen unterschiedliche Erfahrungen, Werte, Temperamente, Erwartungen, Bedürfnisse und Verletzungen mit. Natürlich entsteht dabei Reibung.
Auch ich habe Menschen, mit denen ich nicht klarkomme. Das kann ich ganz offen sagen. Manche Menschen und ich schweben schlicht auf unterschiedlichen Wellen. Das macht sie nicht automatisch zu schlechten Menschen und mich ebenso wenig. Es bedeutet zunächst nur, dass etwas zwischen uns nicht harmoniert. Vielleicht sind unsere Werte unterschiedlich, vielleicht kommunizieren wir völlig anders oder vielleicht löst die Art des anderen etwas in uns aus, womit wir nicht gut umgehen können. Nicht jede zwischenmenschliche Verbindung muss funktionieren.
Trotzdem möchte ich es mir mit diesem Gedanken nicht zu einfach machen. Denn natürlich gibt es auch die andere Möglichkeit: Vielleicht hat ein Mensch tatsächlich auffallend häufig Konflikte. Vielleicht stellt er hohe Ansprüche an seine Umwelt. Vielleicht erwartet er von anderen etwas, das sie gar nicht leisten können. Vielleicht reagiert er besonders empfindlich auf Ablehnung oder Kritik. Vielleicht sagt er lange nicht, was ihn stört, schluckt alles herunter und explodiert irgendwann. Vielleicht möchte er es jedem recht machen und ist anschließend enttäuscht, weil andere nicht dasselbe für ihn tun. Vielleicht sieht er Grenzüberschreitungen, wo ein anderer lediglich eine andere Meinung hat. Oder vielleicht fällt es ihm schwer zu akzeptieren, dass Menschen nicht nach seinen Vorstellungen handeln.
All das gibt es. Und deshalb halte ich Selbstreflexion für unglaublich wichtig.
Es besteht aber ein gewaltiger Unterschied zwischen der liebevollen Frage „Gibt es etwas, das sich in meinem Leben wiederholt und das ich mir einmal anschauen sollte?“ und dem Urteil „Mit dir stimmt etwas nicht, schließlich hast du ständig mit allen Probleme.“
Das eine öffnet eine Tür. Das andere schlägt sie zu.
Ein guter Freund darf mir durchaus sagen, dass ihm bei mir etwas auffällt. Vielleicht sogar etwas, das ich selbst noch nicht erkennen kann. Wenn jemand mich kennt, mich grundsätzlich wertschätzt und nach mehreren ähnlichen Situationen vorsichtig fragt: „Du, mir fällt etwas auf. Kann es sein, dass sich da bei dir gerade etwas wiederholt?“, dann kann darin sehr viel Liebe liegen. Vielleicht möchte ich es im ersten Moment trotzdem nicht hören. Vielleicht tut es sogar weh. Aber ich kann spüren, ob jemand mich verstehen möchte oder lediglich ein Urteil über mich fällt.
Genau das fehlt mir bei Sätzen wie „Hast du mal darüber nachgedacht, dass das an dir liegt?“ häufig. Natürlich kann diese Frage berechtigt sein. Aber es kommt darauf an, wann, wie und mit welcher Haltung sie gestellt wird. Wird wirklich nachgedacht und gemeinsam hingesehen? Oder ist die Frage eigentlich gar keine Frage, sondern bereits ein Urteil mit Fragezeichen?
Das Gleiche gilt für einen Satz wie: „Merkwürdig, immer wenn du mal etwas machen musst, wirst du krank.“ Was für eine Aussage steckt eigentlich darin? Im Grunde wird dem anderen unterstellt, dass seine Beschwerden nicht wirklich ernst zu nehmen sind. Vielleicht übertreibt er. Vielleicht drückt er sich. Vielleicht möchte er einer Verpflichtung entgehen. Derjenige, der den Satz ausspricht, glaubt offenbar bereits zu wissen, was im anderen vorgeht.
Gerade deshalb berührt mich dieses Thema auch persönlich, denn ich habe erlebt, was solche Zuschreibungen mit einem jungen Menschen machen können.
Meine Tochter hatte ihren ersten Ausbildungsplatz verloren, nachdem unsere Wohnung explodiert war und wir plötzlich vor einem Trümmerhaufen standen. Die Ausbilderinnen waren mit ihr sehr zufrieden, vertraten aber die Ansicht, dass sie nach diesem Erlebnis erst einmal ein Jahr Auszeit nehmen und sich um ihre Seele kümmern müsse.
Ich sah das anders. Sie hätte ihre Ausbildung meiner Meinung nach durchaus fortsetzen können. Ein einschneidendes Erlebnis bedeutet nicht automatisch, dass ein Mensch anschließend ein Jahr lang nicht in der Lage ist, seinen Weg weiterzugehen. Vielleicht hätte gerade ein Stück Normalität, eine Aufgabe und das Gefühl, dass das eigene Leben trotz allem weitergeht, sogar Halt geben können. Aber diese Entscheidung wurde getroffen.
Heute denke ich manchmal darüber nach, ob darin vielleicht trotzdem eine Fügung lag. Denn wenn ich ehrlich hinschaue, war diese Ausbildung möglicherweise ohnehin nicht wirklich ihr Weg gewesen.
Eigentlich wollte meine Tochter Friseurin werden. Doch aus ihrem Umfeld bekam sie vermittelt, dass dieser Beruf nicht genug sei. Als Friseurin sei man „nichts“, habe man „nichts“ und stelle nichts dar. Solche Worte machen etwas mit einem jungen Menschen. Natürlich möchte man, dass die Menschen, die einem wichtig sind, stolz auf einen sind. Und so bog sie von ihrem eigenen Weg ab und entschied sich für eine Ausbildung, von der sie vielleicht glaubte, damit mehr Anerkennung zu bekommen.
Ich finde diesen Gedanken heute noch traurig. Denn wie schnell passiert es, dass ein junger Mensch nicht mehr fragt: „Was möchte ich eigentlich?“, sondern: „Was muss ich werden, damit ihr stolz auf mich seid?“
Nach dem Ende dieser Ausbildung fand sie zunächst keinen neuen Ausbildungsplatz. Die Stellen, die sie interessierten, waren bereits vergeben. Irgendwann begann sie schließlich ihre zweite Ausbildung.
Und statt ihr Mut zu machen, begann das Gerede.
„Na, hält sie diesmal durch?“
Solche Sprüche standen gefühlt auf der Tagesordnung. Selbst harmlose Fragen bekamen plötzlich einen Beigeschmack. Wenn jemand fragte, wie ihr die neue Ausbildung gefällt, konnte man sich irgendwann fragen, ob dahinter tatsächlich Interesse stand oder ob eigentlich ausgehorcht werden sollte, ob schon wieder eine Kündigung im Raum steht.
Das finde ich traurig.
Denn schau dir an, was dabei passiert: Ein junger Mensch erlebt etwas, eine Ausbildung endet und daraus wird eine Geschichte über seinen Charakter geschrieben. Plötzlich heißt es nicht mehr: „Ihre erste Ausbildung endete unter außergewöhnlichen Umständen.“ Stattdessen entsteht die Erzählung: „Sie hält Dinge nicht durch.“
Und ab diesem Moment wird alles Neue durch diese Brille betrachtet.
Beginnt sie eine neue Ausbildung, lautet die Frage nicht mehr: „Gefällt es dir? Was lernst du dort? Hast du nette Kollegen? Fühlst du dich wohl?“ Im Raum schwebt stattdessen: „Wie lange geht es diesmal gut?“
Was macht so etwas mit einem Menschen? Vor allem mit einem jungen Menschen, der seinen Platz im Leben erst noch sucht? Oder einem Menschen, der sein gesamtes Leben der Anerkennung anderer hinterherläuft, obwohl er schon Rentner ist?
Wir sprechen so viel darüber, dass junge Menschen Selbstvertrauen entwickeln sollen. Dass sie an sich glauben sollen. Dass sie ihren Weg finden sollen. Und gleichzeitig begegnen ihnen Erwachsene, die bei jedem Stolpern schon das nächste Scheitern erwarten.
Vielleicht sollten wir uns öfter fragen, welche Stimme wir im Leben eines anderen Menschen eigentlich sein möchten.
Möchte ich die Stimme sein, die sagt: „Na, mal sehen, wie lange du das diesmal durchhältst“?
Oder möchte ich die Stimme sein, die sagt: „Der erste Weg hat nicht funktioniert. Dann schauen wir eben, wohin der nächste führt.“
Denn ein Umweg ist kein Beweis dafür, dass jemand unfähig ist. Eine abgebrochene Ausbildung ist keine Persönlichkeitseigenschaft. Eine gescheiterte Beziehung beweist nicht, dass jemand beziehungsunfähig ist. Mehrere Konflikte machen einen Menschen nicht automatisch schwierig. Eine Krankheit ist kein Beweis für Faulheit. Und eine Phase, in der ein Mensch sein Leben neu sortieren muss, ist kein Beweis dafür, dass er sein Leben nicht im Griff hat.
Wir sind so viel mehr als die Dinge, die bei uns nicht funktioniert haben.
Natürlich dürfen wir uns trotzdem ehrlich anschauen. Vielleicht stellen wir irgendwann fest, dass wir selbst an manchen Konflikten einen größeren Anteil hatten, als wir zunächst wahrhaben wollten. Vielleicht erkennen wir sogar, dass ein Mensch, der uns etwas Unangenehmes gesagt hat, mit einem Teil seiner Beobachtung recht hatte. Das ist möglich.
Aber diese Erkenntnis sollte aus ehrlicher Reflexion entstehen und nicht daraus, dass wir eine fremde Verurteilung irgendwann so oft gehört haben, dass wir sie selbst glauben.
Denn genau darin liegt für mich eine Gefahr: Wenn Menschen immer wieder hören, sie seien schwierig, empfindlich, unzuverlässig oder würden ohnehin nichts durchhalten, kann irgendwann eine innere Stimme daraus werden. Irgendwann braucht es den Menschen von außen gar nicht mehr. Dann steht die nächste Herausforderung an und im eigenen Kopf meldet sich bereits: „Wahrscheinlich schaffst du es sowieso wieder nicht.“
Vielleicht sollten wir deshalb viel sorgsamer damit umgehen, welche Sätze wir einem Menschen mitgeben.
Und vielleicht sollten wir auch lernen, genauer hinzusehen, wenn sich uns jemand anvertraut. Nicht jeder Mensch, der von einem Problem erzählt, möchte eine Lösung.
Manchmal möchte er einfach gehört werden. Ich finde die Frage wunderschön: „Möchtest du gerade einfach erzählen oder möchtest du wissen, wie ich darüber denke?“
Wie viele Missverständnisse könnten wir uns damit ersparen?
Denn manchmal haben wir selbst schlicht keine Kapazität für die Sorgen eines anderen. Auch das ist menschlich. Vielleicht haben wir gerade genug eigene Baustellen, vielleicht sind wir erschöpft oder vielleicht haben wir dieselbe Geschichte schon sehr oft gehört und wissen nicht mehr, was wir darauf antworten sollen. Dann dürfen wir das sagen. „Du, ich möchte dir gern zuhören, aber ich merke, dass ich heute selbst ziemlich voll bin.“ Das ist ehrlich.
„Du hast ja sowieso immer mit allen Probleme“ ist etwas anderes.
Dieser Satz beendet das Gespräch, indem er das Problem kurzerhand beim Gegenüber ablädt. Man muss sich anschließend nicht mehr mit seiner Geschichte beschäftigen, denn man hat eine Erklärung gefunden: Der andere ist eben schwierig.
Vielleicht erzählen solche Sätze deshalb manchmal tatsächlich mehr über denjenigen, der sie ausspricht, als über den Menschen, über den gesprochen wird. Nicht zwangsläufig, weil der Sprecher böse ist. Vielleicht ist er überfordert. Vielleicht kann er mit Gefühlen schlecht umgehen. Vielleicht fühlt er sich hilflos, wenn andere von Problemen erzählen. Vielleicht möchte er unangenehme Themen möglichst schnell beenden. Vielleicht urteilt er auch einfach gern. Wir wissen es nicht.
Was wir aber entscheiden können, ist, wie viel Gewicht wir seinem Urteil geben.
Nicht jede Meinung über uns verdient einen Platz in unserem Inneren.
Und ich glaube, wir dürfen sehr bewusst auswählen, mit welchen Menschen wir uns umgeben. Damit meine ich nicht, dass wir nur Menschen in unserem Leben behalten sollten, die uns ständig recht geben. Das wäre genauso wenig hilfreich. Ich möchte Menschen um mich haben, die mir auch widersprechen können. Menschen, die mir liebevoll sagen können: „Fanni, da sehe ich dich gerade anders.“ Menschen, die mich auf etwas aufmerksam machen, wenn ich mich verrenne.
Aber ich wünsche mir Menschen, bei denen ich dabei trotzdem spüre: Dieser Mensch ist für mich und nicht gegen mich.
Menschen, die auf unserer Wellenlänge schwingen, müssen nicht dieselbe Meinung haben wie wir. Sie dürfen anders denken. Sie dürfen uns spiegeln. Sie dürfen uns auch einmal einen unbequemen Gedanken zumuten. Der Unterschied ist, dass sie uns dabei nicht klein machen.
Sie pushen uns, anstatt uns herunterzudrücken. Sie beleben uns, anstatt uns klein zu halten. Sie wertschätzen uns, auch wenn sie unser Verhalten einmal kritisch sehen. Sie hören zu, anstatt lediglich auf den Moment zu warten, in dem sie endlich reagieren können.
Und nein, auch ich beherrsche das nicht immer.
Auch ich erwische mich hin und wieder dabei, wie eine Floskel in meinem Kopf auftaucht und sich innerhalb von Sekunden als Schublade entpuppt. Besonders dann, wenn ich selbst überfordert bin, wenn zu viel gleichzeitig passiert und ich nur noch funktioniere. Dann werde auch ich schneller gereizt und genervt. Dann reagiert manchmal zuerst mein Automatismus und erst danach mein Bewusstsein.
Der entscheidende Punkt ist für mich, dass ich es, wenn es doch mal passiert, inzwischen direkt bemerke. Dann kann ich innerlich bremsen und mich fragen: Weiß ich das gerade wirklich über diesen Menschen oder habe ich ihn innerhalb weniger Sekunden einsortiert?
Wenn ich bewusst und achtsam bin, verändert sich mein Blick. Dann muss ich einen Menschen nicht auf eine Eigenschaft reduzieren. Dann darf ich mich daran erinnern, dass hinter einem Verhalten eine Geschichte stehen kann, die ich vielleicht überhaupt nicht kenne.
Und vielleicht ist genau das die Haltung, die ich mir zwischen Menschen wünsche.
Nicht, dass wir niemals mehr urteilen. Das wäre vermutlich eine ziemlich unrealistische Erwartung. Wir sind Menschen. Unser Gehirn sortiert, bewertet und vergleicht ständig. Aber wir können lernen, unsere erste Bewertung nicht automatisch zur Wahrheit zu erklären.
Vielleicht hat ein Mensch tatsächlich mit vielen anderen Menschen Schwierigkeiten. Dann dürfen wir neugierig fragen, warum das so ist. Vielleicht liegt ein Teil davon bei ihm. Vielleicht sogar ein großer Teil. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht hat dieser Mensch gerade begonnen, Grenzen zu setzen. Vielleicht befindet er sich in einem Umfeld, das ihm nicht guttut. Vielleicht hat er besonders hohe Ansprüche. Vielleicht muss er lernen, toleranter zu sein. Vielleicht muss er lernen, früher Nein zu sagen. Vielleicht muss er lernen, weniger von anderen zu erwarten. Vielleicht muss er aber auch endlich aufhören, sich einzureden, dass er alles hinnehmen muss, nur damit niemand irgendwann sagt: „Mit dir gibt es aber auch ständig Probleme.“
Es gibt keine einfache Antwort.
Und genau deshalb stört mich dieser einfache Satz so sehr.
Menschen sind kompliziert. Beziehungen sind kompliziert. Familien sind kompliziert. Konflikte sind kompliziert. Und manchmal passen zwei Menschen einfach nicht zusammen, ohne dass einer von ihnen deshalb schlecht, schwierig oder falsch sein muss.
Vielleicht dürfen wir also ein bisschen weniger fragen: „Wer ist hier das Problem?“
Und ein bisschen häufiger: „Was ist hier eigentlich passiert?“
Vielleicht dürfen wir weniger Menschen analysieren und ihnen dafür häufiger zuhören.
Und wenn wir selbst diejenigen sind, über die gesprochen und geurteilt wird, dürfen wir uns ebenso ehrlich anschauen wie schützen. Wir dürfen uns fragen, ob etwas an der Kritik dran ist, ohne deshalb jedes Urteil zu übernehmen. Wir dürfen wachsen, ohne uns kleinmachen zu lassen.
Und vor allem dürfen wir uns Menschen suchen, bei denen wir nicht ständig beweisen müssen, dass wir gut genug sind. Menschen, die uns nicht nur dann mögen, wenn alles reibungslos läuft. Menschen, die sich mit uns freuen, wenn wir etwas Neues beginnen, statt schon darauf zu warten, dass wir scheitern.
Menschen, bei denen ein „Wie geht es dir?“ tatsächlich bedeutet:
Ich möchte wissen, wie es dir geht.
Herzlichst, Fanni
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