Unsere Wohnung explodierte – ein Jahr danach

Fanni Kaiser – Rückblick ein Jahr nach der Wohnungsexplosion: Über Verlust, Wachstum und Dankbarkeit

Selbstreflexion | 21. Juli 2026

Was du gleich liest, ist der Ursprung von allem, was du bei Wohlfühlen und Entspannen findest. Diese Explosion war der Anfang dieses Raumes – und der Anfang einer neuen Version von mir. Hinzufügen möchte ich den Hinweis, dass Teil 1 der Geschichte in einem meiner älteren Blogs zu finden ist. 


Ein Jahr.

Zwölf Monate. Zweiundfünfzig Wochen. Dreihundertfünfundsechzig Tage.

Über Monate hinweg, an denen ich morgens aufgewacht bin und für einen kurzen, gnädigen Moment vergessen habe. Und dann kam es zurück. Immer. Dieser eine Gedanke, der sich wie ein Stein in die Brust legte: Das ist wirklich passiert.

Unsere Wohnung explodierte.

Davor

Ich glaube, man unterschätzt, wie sehr man ein Zuhause liebt, bis es weg ist.

Nicht das Gebäude. Nicht die Quadratmeter. Sondern das Gefühl. Das Wissen, dass es einen Ort gibt, der dir gehört – oder zumindest für eine Weile deiner ist. Wo die Tassen im richtigen Schrank stehen. Wo du weißt, welche Diele knarzt. Wo du nachts aufstehst und nicht das Licht anmachen musst, weil dein Körper den Weg kennt.

Das alles war am 21. Juli 2025 weg.

Nicht langsam. Nicht schrittweise. Sondern in einem Moment, der alles davor und danach trennt wie eine Klinge.

Der erste Tag. Die erste Woche.

Ich erinnere mich an Gesichter. Viele Gesichter. Menschen, die kamen, die schauten, die die Hände vor den Mund hielten. Nachbarn. Bekannte. Feuerwehr. Polizei. Alle mit diesem Blick – diesem Blick, den man bekommt, wenn man Zeuge von etwas wird, das man selbst nicht fassen kann.

Und ich erinnere mich an das Gefühl, das ich nach dem ersten großen Schock in den nachfolgenden Stunden hatte: Wir schaffen das.

Naiv? Vielleicht. Aber ich glaube, das ist ein Schutzmechanismus. Der Körper, der Geist – sie weigern sich, das volle Ausmaß auf einmal zu begreifen. Sie dosieren den Schmerz. Sie sagen: Jetzt funktionieren. Später fühlen.

Und so funktionierten wir.

Wir telefonierten. Wir organisierten. Wir schrieben Listen. Wir redeten mit Menschen, die uns sagten: Ihr seid nicht allein. Wir helfen. Und wir glaubten ihnen. Weil man das glauben will. Weil man das glauben muss, wenn man gerade in den Trümmern steht und der Boden unter den Füßen noch nach diesem merkwürdigen Geruch riecht.

Alle helfen. Der Wiederaufbau beginnt jetzt. Das wird schon.

Drei Sätze, die ich mir wie ein Mantra wiederholte. Drei Sätze, die sich als das herausstellten, was sie waren: Hoffnung. Schöne, menschliche, zerbrechliche Hoffnung.

Die Stille danach

Dann wurde es ruhiger.

Die Gesichter verschwanden. Das Telefon klingelte seltener. Die Nachrichten, die anfangs im Minutentakt kamen wurden weniger. Alles war unsererseits getan. Wochenlang, kaum Schlaf. Ich dachte: Wenn wir jetzt alles geben, dann kann es losgehen. Ich war sehr naiv. 

Denn das Leben der anderen ging weiter.

Es waren so viele Menschen und Institutionen involviert in das, was mit uns passiert war. Die Versicherung. Der Verursacher. Vermieter. Handwerker. Gutachter. Anwälte. Behörden. Alle hatten sie eine Rolle. Alle hatten sie Aufgaben. Und alle – alle – lebten ihr normales Leben weiter, während wir warteten.

Weil es nicht ihre Wohnung war, die explodiert war.

Für keinen von ihnen gab es einen Grund, sofort zu handeln. Keine persönliche Dringlichkeit. Kein Schmerz, der sie nachts wachhielt. Für sie war es ein Fall. Eine Akte. Eine Nummer.

Für uns war es unser Leben.

Und irgendwann – ich weiß nicht mehr genau, an welchem Tag, in welcher Woche – haben wir es begriffen. Diesen Satz, der sich wie ein kalter Schauer anfühlte:

Da kommt keiner und hilft.

Keiner. Wirklich keiner.

Nicht weil die Menschen böse sind. Nicht weil sie uns nicht mögen. Sondern weil wir in einem System leben, das auf Eigenverantwortung gebaut ist – und weil Mitgefühl keine Bürokratie ersetzt.

Das tat sehr weh. Mehr, als ich je erahnt hätte. 

Die Wahrheit, die wir erst Monate später erfuhren

Monatelang lebten wir mit der Annahme, dass es ein Unfall war. Ein schrecklicher, sinnloser, tragischer Unfall. Einer jener Momente, in denen das Schicksal zuschlägt, ohne zu fragen. Wir waren so sehr mit der Dankbarkeit verbunden, dass es für uns in Ordnung war. Wir waren unendlich dankbar, dass wir noch lebten. Denn wir erfuhren von der Kraft der Explosion, die meine Familie das Leben hätte kosten können, wären da nicht so viele merkwürdige Sonderheiten gewesen, die dazu beitrugen, dass sie sich zuvor aus der Gefahrenzone wegbewegte.

Dann kam die Information. Ich erinnere mich noch genau daran, denn in diesem Moment begann mein Kopf zu begreifen, dass gerade etwas Fundamentales kippte. Die Geschichte, die uns erzählt wurde – es war ein Unfall, es war ein Versehen – stimmte nicht mehr. Ich las die Zeilen mehrfach. Tagelang. Immer und immer wieder. Ich wollte es nicht wahrhaben.

Plötzlich war es für mich nicht mehr nur ein tragischer Zufall. Mir wurde bewusst, dass Warnetiketten missachtet worden waren. Dass Entscheidungen getroffen worden waren, deren Folgen wir nun tragen. 

Dennoch sahen wir nicht zurück und machten niemandem Vorwürfe. Zu groß war unsere Dankbarkeit, dass wir überhaupt noch lebten. Erst als wir begannen, den entstandenen Schaden geltend zu machen – weil auch das Teil der Realität war –, veränderte sich der Umgang mit uns. Das war für mich eine weitere schmerzliche Erkenntnis. Nicht wegen des finanziellen Schadens, sondern weil ich lernen musste, dass Verantwortung und Einsicht nicht immer gegeben sind.

Noch schwerer wurde es, als ich bemerkte, wie sich auch die Wahrnehmung unseres Umfeldes verschoben hatte. Bis heute begegnen uns Menschen, die glauben, wir hätten diese Explosion selbst verursacht oder zumindest mitverschuldet. In solchen Momenten wird mir bewusst, wie mächtig unvollständige Geschichten sein können. Wer die Wahrheit nicht kennt, füllt die Lücken mit eigenen Erklärungen. Und irgendwann werden genau diese Erklärungen für viele zur Wirklichkeit.

Oft wurde ich von lieben Menschen beobachtet, weil sie sich sorgten, ich könnte mit dem Schock nicht umgehen. Doch bis zu diesem Zeitpunkt herrschte in mir vor allem eines: tiefe Dankbarkeit. Ja, es herrschten auch Erschöpfung, Angst und Verzweiflung. Aber das Ereignis und diese seltsamen Zufälle, die meine Familie vor dem sicheren Tod bewahrten, waren so gewaltig, dass ich den Schock zwar wahrnahm, dann aber in diese tiefe Dankbarkeit glitt. Sie war wie eine warme Decke an einem kalten Winterabend. Sie legte sich schützend um mich. Ich wusste: Ich bin getragen. Alles kann nur gut werden. Zumal die Zahl 21 meine Glückszahl ist. Wer weiß, was das Leben mich damit lehren will – das waren ständig meine Gedanken. Doch dann diese pure Wahrheit. Die warme Decke war weg. Ungeschützt stand ich da. Ich begriff, wie schnell und leicht wir Menschen dem Leben ausgeliefert sind. 

Und ich begriff noch etwas: Manchmal erschüttert uns nicht nur ein Ereignis. Manchmal ist es die Wahrheit über dieses Ereignis, wie leicht das Leid hätte vermieden werden können, die unser Innerstes ein zweites Mal verändert. 

Mein innerer Frieden darf nicht davon abhängen, ob andere verstehen, was sie ausgelöst haben. Er beginnt dort, wo ich aufhöre zu warten. Vielleicht beginnt genau dort Freiheit.

Der Freund der Familie

Ich muss jetzt über Vertrauen sprechen.

Über das Vertrauen, das ich einem Menschen entgegengebracht hatte, den ich seit Jahren kannte. Den Versicherungsmann. Den Freund der Familie. Jenen Menschen, bei dem man nicht nachfragt, weil man denkt: Der kennt uns. Der weiß, was wir brauchen. Der passt auf uns auf.

Er hatte meine Umzugsmeldung ins System eingegeben. Das stimmte. Er hatte alles ordentlich notiert. Das stimmte auch.

Was er nicht getan hatte: Er hatte nicht beachtet, dass sich unsere Wohnungsgröße nahezu verdoppelt hatte. Dass die Versicherungssumme angepasst werden muss, wenn man in eine größere Wohnung zieht. Nicht als freundliche Empfehlung. Nicht als optionaler Hinweis. Als Pflicht. Als grundlegendes Prinzip der Hausratversicherung, das jedem in diesem Beruf bekannt sein sollte. Ich wusste davon bis kurz nach der Explosion nicht. Ich vertraute, dass ich gut abgesichert bin. 

Und dann kam die Abrechnung. Und mit ihr das Wort, das ich bis dahin nicht kannte: Unterversicherung. Ich war unterversichert. Weil das System davon ausgeht, dass der Kunde weiß, was der Fachmann wissen sollte.

Fast ein Jahr Kampf

Was dann folgte, war ein Kampf. Ein langer, zermürbender, einsamer Kampf.

Ich hatte gelernt – auf die härteste Art, die ich mir vorstellen kann –, dass niemand kommt und die Dinge für einen regelt. Dass man, wenn es um essenzielle Dinge geht, selbst handeln muss. Dass Abwarten keine Strategie ist, sondern eine Niederlage auf Raten. Ich musste erfahren, dass ich durch Liebsein, keine Umstände machen und Abwarten mir schadete. 

Also kämpfte ich. Ich erfuhr mich auf eine Art und Weise, die ich von mir nicht kannte. Nein, die mir zuvor sogar eher Herzrasen verschaffte. Zu kämpfen ist so mal das komplett Gegenteil von Friede, Freude, Eierkuchen. Ich war harmoniebedürftig und hatte mich bisher oft selbst dafür zurückgestellt. Ich war keine Frau, die kämpfen wollte. Nein, ich nicht. Sowas machte mir Angst. Doch keiner kämpfte für mich. 

Denn es war nicht ihre Wohnung, die explodierte. 

Also schrieb ich Briefe. Ich recherchierte. Ich las Versicherungsbedingungen, die nicht dafür geschrieben sind, dass normale Menschen sie verstehen. Ich führte Gespräche, die mich Kraft kosteten, die ich nicht hatte. Ich widersprach. Ich forderte. Ich ließ nicht locker. 

Fast ein Jahr lang.

Ich erkannte, was in mir steckt. Was ich für eine Power und für eine Klarheit habe. Ich erkannte, der Kampf ist nicht gegen jemanden, sondern für mich. Und keiner steckte in der Situation wie ich, denn wie gesagt, deren Wohnung war ja noch da - ich mache keinem einen Vorwurf, denn sie halten sich nur an Regeln. 

Am Ende zahlte meine Verischerung nicht einmal 50 % des uns erlittenen Schadens. Das hätten sie gezahlt – das wäre fair gewesen, das wäre das Mindeste gewesen –, wäre da nicht dieser eine Versicherungsmann gewesen. Und sein Nachfolger, nebenbei bemerkt, auch, der mich all die Jahre auch nie auf die Unterversicherung hinwies.

Aber davon wollte die Versicherung nichts hören.

Ihr Argument: Ich hätte das alles wissen müssen. Es sei offensichtlich gewesen. Als Versicherungsnehmerin trage ich die Verantwortung dafür, dass mein Vertrag korrekt ist. Ich habe gefragt: Wenn es so offensichtlich war – warum hat es dann keiner der Versicherung all die Jahre bemerkt? Warum hat niemand angerufen, geschrieben, nachgefragt? Warum? Die Antwort blieb aus.

Oder doch nicht ganz. Denn irgendwann konnte ich das Kapitel mit einem Vergleich abschließen. Knapp bevor ich eine Klage hätte einreichen müssen. Knapp bevor die Kosten, die damit verbunden gewesen wären, uns ein zweites Mal in die Knie gezwungen hätten.

Es war kein Sieg. Es war ein Waffenstillstand. Aber manchmal ist das genug.

Auf der Suche nach dem Sinn

In dieser Zeit musste ich oft an einen Satz denken, den mir eine liebe Freundin einmal mitgebracht hatte. Sie hatte ihn in einem Seminar gelesen und fand ihn damals genauso irritierend wie ich:

"Hinter jeder Tat steckt eine gute Absicht."

Wir beide konnten darüber nur den Kopf schütteln. Wie sollte das auf Leid, auf Ungerechtigkeit oder gar auf Straftaten zutreffen? Heute würde ich den Satz noch immer nicht wörtlich unterschreiben. Es gibt Handlungen, die verletzen. Handlungen, für die es keine Entschuldigung gibt. Und doch schwingt dieser Satz in mir. Ob es ein Schutz ist, weil mein Körper die Wahrheit noch nicht tragen kann oder ob der Glaube stark ist, das werde ich irgendwann, wenn "Gras über die Sache gewachsen ist" erfahren. In einem weiteren Rückblick. 

Und dennoch habe ich in diesem Jahr etwas anderes verstanden: Manchmal liegt das Geschenk nicht in der Tat. Manchmal liegt es in dem, was sie in uns hervorbringt.

Nicht die Explosion war das Geschenk. Nicht der Schmerz. Nicht der Verlust.

Das Geschenk war die Begegnung mit mir selbst.

Vielleicht liegt der Unterschied nicht darin, was uns widerfährt. Vielleicht liegt er in den Fragen, die wir stellen.

Lange habe ich gefragt: Warum? Warum wir? Warum so? Warum musste das passieren?  Irgendwann kam eine andere Frage hinzu: Wofür? Wofür könnte diese Erfahrung gut sein? Was möchte sie mich lehren? Welche Seite in mir möchte sie sichtbar machen? Die Antwort kam nicht sofort. Vielleicht kommt sie bis heute nicht vollständig.

Aber sie hat meinen Blick verändert.

Denn das Warum hielt mich in der Vergangenheit fest. Das Wofür half mir, nach vorne zu schauen.

Heute glaube ich, dass Dankbarkeit gar nicht die eigentliche Botschaft dieser Geschichte ist. Dankbarkeit ist das, was am Ende geblieben ist. Die eigentliche Botschaft liegt für mich tiefer: Selbst in den dunkelsten Erfahrungen kann Sinn verborgen sein. Nicht jeder wird das so sehen. Manche Menschen werden diesen Gedanken vielleicht sogar ablehnen. Und das verstehe ich. Denn hätte man mir vor diesem Ereignis erzählt, dass eine solche Erfahrung ein Geschenk bereithalten könnte, hätte ich vermutlich genauso reagiert. Doch heute weiß ich: Nicht nur das, was uns widerfährt, prägt unser Leben. Entscheidend ist auch, wie wir darauf schauen. Diese Geschichte erzählt deshalb nicht nur von einer Explosion, von Verlust, Kampf und Wiederaufbau. Sie erzählt von der Entscheidung, trotz all dem nach Sinn zu suchen. Und genau darin liegt für mich das größte Geschenk dieses Jahres.

Was ich gelernt habe

Ein Jahr danach sitze ich hier und ziehe ganz bewusst Bilanz.

Ich habe gelernt, dass Vertrauen kostbar ist. Ich werde Menschen auch weiterhin Vertrauen schenken – denn ohne Vertrauen können wir nicht miteinander leben. Aber ich werde nie wieder Fremden blind vertrauen. Ich habe verstanden, dass Verantwortung für mein Leben am Ende immer auch bei mir liegt. Dass ich nachfragen darf. Dass ich Dinge verstehen darf, auch wenn andere die Fachleute sind. Und dass ich den Mut habe, "Stopp" zu sagen, wenn sich etwas für mich nicht richtig anfühlt – selbst dann, wenn mir jemand versichert, es sei alles in Ordnung. Vertrauen bedeutet für mich heute nicht mehr, Verantwortung abzugeben. Vertrauen bedeutet, aufmerksam zu bleiben.

Ich habe gelernt, dass Systeme ihren Regeln folgen. Meistens funktioniert das gut. Doch wenn es um existenzielle Schäden, hohe Summen und unterschiedliche Interessen geht, wird schnell deutlich, dass niemand meine Situation so im Blick hat wie ich selbst. Genau deshalb musste ich lernen, Verantwortung für meinen eigenen Weg zu übernehmen.

Ich habe gelernt, dass Einsamkeit nicht bedeutet, allein zu sein. Man kann von Menschen umgeben sein und sich trotzdem verlassen fühlen. Und man kann in den Trümmern sitzen und trotzdem – irgendwie, auf eine Art, die man nicht erklären kann – weitermachen.

Ich habe gelernt, dass ich stärker bin, als ich dachte. Nicht weil ich keine Angst hatte. Sondern weil ich sie hatte und trotzdem weitergemacht habe.

Das Wunder

Und dann ist da noch das, worüber ich am schwersten schreiben kann. Nicht weil es schmerzhaft ist – sondern weil es so groß ist, dass Worte fast zu klein dafür erscheinen.

Meine Familie lebt.

Wenn ich an den 21. Juli 2025 denke – an das, was hätte passieren können, an die Sekunden und Zufälle und kleinen Entscheidungen, die dazu geführt haben, dass wir alle noch hier sind – dann stockt mir der Atem. Auf eine ganz andere Art als damals, als wir von der Wahrheit erfuhren.

Damals stockte er vor Schmerz. Jetzt stockt er vor Dankbarkeit.

Nahezu ein Wunder. Das ist keine Übertreibung. Das ist die nüchterne, klare Wahrheit, wenn ich weiß, was hätte sein können.

Und diese Dankbarkeit – sie siegt. Über den Schmerz, über die Enttäuschung, über die Erschöpfung eines langen, harten Jahres. Über die Ungerechtigkeit, die wir erfahren haben. Über die Momente, in denen ich dachte, ich halte das nicht durch.

Sie siegt.

Meine Familie lebt. Wir sind zusammen. Wir haben uns. Und das – das ist alles.

Das ist wirklich alles.

Mein Dank

Bei all dem, was dieses Jahr schwer gemacht hat, gab es auch unendlich viel Menschlichkeit. Und ich möchte diesen Rückblick nicht beenden, ohne ihr Raum zu geben.

Mein tiefster Dank gilt den Einsatzkräften der Polizei. Besonders den Polizisten, die mich damals in die zerstörte Wohnung, den für mich unglaublich schweren Teil meiner damaligen Aufgabe, begleiteten, als wir die wichtigsten Dinge herausholen mussten. Sie trugen mit mir Kisten und Taschen zu meinem Auto, weil wir in diesem Moment nicht einmal wussten, wohin mit unserem Leben. Diese Fürsorglichkeit hat mich tief berührt. Noch heute erinnere ich mich daran, wie oft ich deshalb in Tränen ausbrach. Ich hatte nicht erwartet, inmitten eines solchen Chaos so viel Menschlichkeit zu erfahren.

Danke an unsere Nachbarn. An diejenigen, die sofort da waren. Die Essen und Trinken brachten. Die Hilfe anboten, noch bevor wir wussten, was wir überhaupt brauchten. Die unserem Hund einen sicheren Ort schenkten. Trotz seines Schocks konnte man sehen, wie gut ihm es tat, bei seinem allerliebsten Kumpel im Garten chillen zu dürfen - ein lang ersehnter Wunsch. Danke für diese Fürsorge.

Danke an die Nachbarin, die uns große Taschen brachte, damit wir überhaupt die wichtigsten Dinge für die ersten Tage zusammenpacken konnten. Und danke an die Nachbarn in unserem Haus, die selbst Opfer dieser Explosion wurden und dennoch Kraft fanden, uns mit Wasser, Umarmungen und Mitgefühl zu versorgen.

Danke an meinen Chef, der mir besonders in der ersten Zeit mit Rat, Antworten und seiner ruhigen Präsenz zur Seite stand. In einer Zeit, in der vieles stillstand, erinnerte er mich mit seiner stetigen Präsenz durch seine Anrufe daran, dass das Leben weitergeht.

Danke an das Universum, an meine Schutzengel und an all die unerklärlichen Fügungen, die dazu geführt haben, dass keine Seele ihr Leben verlor.

Danke an unser Katerchen Leo. Wer weiß, welche Rolle du in diesem großen Ganzen gespielt hast. Für mich wirst du immer ein Teil jener Kette von Ereignissen bleiben, die meine Tochter beschützt hat.

Danke an meine Tochter. Dafür, dass sie den Mut hatte, ihrer Intuition zu folgen. Dass sie nicht tat, was man vielleicht erwartet hätte. Dass sie ihrem Herzen vertraute. Genau diese Entscheidung hat ihr das Leben gerettet. Bitte bleib weiterhin mutig und gehe deinen Weg und weigere dich das zu tun, was andere vielleicht erwarten könnten. 

Danke an meinen Ehemann. Worte reichen kaum aus, um zu beschreiben, was du in diesem Jahr für mich warst. Du warst nicht nur mein Fels in der Brandung. Für eine Brandung war das alles viel zu groß. Du warst mein Fels im Tsunami. Während ich den Boden unter den Füßen verlor, hast du dafür gesorgt, dass wir als Familie stehen bleiben konnten. Du hast mich gehalten, bevor ich zu tief fiel, hast mir Schutz und Raum geschenkt, hast gesprochen, als meine Stimme versagte. 

Und danke an meine Familie. Für jede Umarmung. Für jedes Gespräch. Für jede Kraft, die ihr mir geschenkt habt, selbst dann, wenn ihr selbst kaum noch welche übrig hattet. Denn auch für meine Familie war das alles nur schwer zu begreifen und zu ertragen. Ohne euch wäre ich heute nicht die Frau, die diese Zeilen schreiben kann.

Von Herzen: Danke.

Und wie lebe ich jetzt? 

Nachdem ich in den Kampf gezogen war, richtete sich dieser irgendwann auch auf eine weitere Baustelle: unsere Wohnung.

Monatelang geschah wenig. Kein sichtbarer Wiederaufbau. Keine klare Perspektive. Und immer wieder diese Frage in mir: Wann können wir wieder in unsere Wohnung? Wann beginnen sie mit dem Wiederaufbau? Wenn ich mich das frage, dann ist das das eine. Aber wenn mich das mein Kind fragt, was unter der Wohnsituation noch einmal mehr leidet wie ich, ist das eine ganz andere Sache. Für uns ist das ja schon schlimm, aber für sie noch viel schlimmer. Und ich fragte mich: Wie war das noch einmal mit der Pflicht, eine Mietsache wieder bewohnbar zu machen – und zwar ohne unnötige Verzögerung?

Ich war still. Zu lange vielleicht. Nicht, weil ich nichts zu sagen hatte. Sondern weil ich glaubte, Harmonie sei das höchste Gut. Ich wollte niemandem Umstände machen. Niemanden unter Druck setzen. Niemandem das Gefühl geben, nicht genug zu tun. Ich konnte nur ansatzweise erahnen, welche Herausforderungen auch auf der anderen Seite lagen. Also wartete ich. Aus Rücksicht. Aus Verständnis. Aus dem Wunsch heraus, die Harmonie zu bewahren. Heute weiß ich, dass ich dabei etwas Entscheidendes übersehen habe. Während ich versuchte, den Frieden im Außen zu erhalten, verlor ich den Frieden in mir. Das war eine der schmerzhaftesten Erkenntnisse dieses Jahres.

Ich hatte Harmonie lange mit Selbstlosigkeit verwechselt.

Doch Harmonie um jeden Preis ist kein Frieden. Sie entsteht oft nur dadurch, dass einer schweigt – und nicht selten ist man selbst dieser Mensch. Erst als ich begann, für mich und meine Familie einzustehen, veränderte sich etwas. Im Außen wurde es manchmal unbequemer. Es gab Gespräche, die ich früher vermieden hätte. Klare Worte, die ich früher nie gewählt hätte. Doch in mir wurde es still.

Zum ersten Mal verstand ich, dass echter innerer Frieden nicht davon abhängt, ob im Außen alles harmonisch ist. Er entsteht dort, wo ich mir selbst treu bleibe.

Nach etwa acht Monaten fragte ich daher schließlich nach, welche Perspektive wir haben. Die Reaktion darauf traf mich tiefer, als ich erwartet hatte. Und in diesem Moment begriff ich: Auch auf dieser Baustelle muss ich für meine Familie kämpfen und eine Klarheit wählen, die ich früher nie gewählt hätte.

Nun läuft der Wiederaufbau. Endlich.

Aber wir wohnen noch immer in einer winzigen Notunterkunft. Beengt. Ohne Rückzugsort. Schlafend einen Meter neben dem Herd, direkt neben dem brummenden Kühlschrank. Hinter meinem provisorischem "Bett" steht mein Schreibtisch. Leben, Schlafen, Arbeiten, Durchhalten – alles auf engstem Raum.

Und all das auch, um Kosten für den Verursacher gering zu halten. Wir haben versucht, fair zu bleiben. Selbst dann, als wir allen Grund gehabt hätten, es nicht mehr zu sein.

Ich bin bereit, auch hier meine vorbereiteten Klagen einzureichen, wenn es notwendig wird. Wobei ich noch immer hoffe, dass ich diese niemals einreichen muss. Nicht, weil ich den Weg scheue. Sondern weil ich ihn für alle Beteiligten für den schlechteren Weg halte. Prozesse kosten Zeit, Kraft und Geld – auf beiden Seiten. Geld, das ich viel lieber in den Wiederaufbau unseres Zuhauses investieren würde als in Gerichtssäle. Noch sehe ich, dass gearbeitet wird. Nicht in dem Tempo, das ich mir wünschen würde. Aber es bewegt sich etwas. Deshalb warte ich. Noch. Und tief in mir hoffe ich auch, dass Verantwortung manchmal doch noch den einfacheren Weg wählt.

Was siegt, ist meine Intuition.

Sie hat mich durch dieses Jahr getragen. Sie sagt mir, wann ich still sein darf. Und sie sagt mir, wann es Zeit ist, aufzustehen. Also folge ich ihr. Schritt für Schritt. Friedlich, solange es möglich ist. Klar, wenn es nötig ist. Und mit schweren Geschützen, wenn es keinen anderen Weg mehr gibt. Und dies ohne Herzrasen, ohne Angst - einfach nur mit Leichtigkeit und einer Prise "echt jetzt?", fokussiert und klar mit dem Blick aufs große Ganze. Und für dieses neue Ich bin ich zutiefst dankbar.

Wenn mich heute jemand fragt, ob ich dieses Jahr noch einmal erleben möchte, lautet die Antwort ganz klar: Nein.

Aber wenn mich jemand fragt, ob ich die Frau missen möchte, die ich in diesem Jahr kennengelernt habe, lautet die Antwort ebenfalls: Nein.

Dieses Jahr hat mir vieles genommen. Aber es hat mir auch etwas gegeben, das mir niemand mehr nehmen kann: Die neue Version von mir.

Wenn ich heute auf dieses Jahr zurückblicke, nehme ich noch eine letzte Erkenntnis mit.

Ich habe dieses Jahr viele Seiten des Menschen kennengelernt. Unfassbare Hilfsbereitschaft. Tiefe Menschlichkeit. Menschen, die ohne zu zögern da waren, als wir sie brauchten.

Aber ich habe auch Seiten kennengelernt, von deren Existenz ich zwar wusste, die ich jedoch nie so unmittelbar erlebt hatte. Seiten, die Verantwortung ablehnen. Die sich verschließen. Die lieber angreifen, als innezuhalten. Und ich musste akzeptieren, dass ich nicht beeinflussen kann, welchen Weg ein anderer Mensch wählt.

Lange habe ich versucht, bei allen Beteiligten Brücken zu bauen. Nicht, weil ich mir davon etwas versprach. Sondern weil ich so bin. Ich möchte verstehen, bevor ich urteile. Ich wünsche mir Lösungen, bevor Konflikte entstehen. Und ich glaube noch immer daran, dass Menschlichkeit der bessere Weg ist. Daran hat dieses Jahr nichts geändert.

Was sich verändert hat, ist etwas anderes. Ich habe aufgehört zu glauben, dass meine Haltung automatisch auch die Haltung anderer sein muss. Meine Menschlichkeit ist keine Einladung, Verantwortung abzunehmen. Mein Verständnis ist keine Verpflichtung, Unrecht schweigend hinzunehmen. Und mein Wunsch nach Frieden bedeutet nicht, dass ich aufhöre, für meine Familie einzustehen.

Vielleicht ist genau das die Frau, die ich in diesem Jahr kennenlernen durfte. Eine Frau, die ihr Herz nicht verschließt, obwohl sie erfahren hat, dass nicht jeder mit demselben Herzen durchs Leben geht. Eine Frau, die weiterhin an das Gute im Menschen glaubt, ohne dabei die Realität aus den Augen zu verlieren. Und eine Frau, die verstanden hat, dass Mitgefühl und Klarheit keine Gegensätze sind.

Wenn dieses Jahr mir etwas genommen hat, dann die Selbstverständlichkeit, mit der ich die Welt betrachtet habe. Wenn es mir etwas geschenkt hat, dann die Freiheit, genau der Mensch zu bleiben, der ich sein möchte – unabhängig davon, wie andere sich entscheiden.

Und vielleicht ist genau das das größte Wunder dieses Jahres.

Herzlichst,
Fanni 


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